IP-Telefonie im Deutschen Wissenschaftsnetz (WIPTEL)
Was ist IP-Telefonie?
IP-Telefonie ist seit ein paar Jahren eins der zentralen Schlagworte
moderner Telekommunikationstechnik. Zu Beginn vielfach auf die
Vorstellung reduziert, privaten Kunden preisgünstige Ferngespräche
anzubieten, steht IP-Telefonie heute im Zentrum des Interesses der
Telefonie- und Datenkommunikations-Branche und gilt als die
Killer-Applikation schlechthin für die Integration von Sprach- und
Datennetzen. Ob für die kosteneffiziente Kopplung von
Unternehmensstandorten und -netzen bis hin zum Ausstieg aus
konventionellen TK-Anlagen, ob für die Versorgung von Privatnutzern
zusammen mit dem Internet-Zugang über Kabel- und ADSL-Modems, ob für
die Optimierung der Netzinfrastruktur von Telekoms oder bei der
Schaffung völlig neuer Strukturen und Dienste in integrierten
Multimedia-Call-Centern: IP-Telefonie bietet Vorteile für
Privatnutzer, in Unternehmen und bei Telefonie-Dienstanbietern. Die
Grundlagen für IP-Telefonie haben Industrie und Wissenschaft seit
Mitte des Jahrzehnts in internationaler Zusammenarbeit in einer Reihe
von Gremien gelegt, durch Spezifikation einer gemeinsamen
technologischen Plattform, auf der die meisten der heute verfügbaren
Produkte fußen, wenn auch unterschiedliche Interessen zu einer
teilweise divergenten Entwicklung geführt haben.
IP-Telefonie im Wissenschaftsbereich?
Natürlich spielen Universitäten und andere
Forschungseinrichtungen eine wichtige Rolle bei der Forschung an und
(Weiter-)Entwicklung der IP-Telefonie. Darüber hinaus stellt
sich inzwischen die Frage des Einsatzes dieser Technologie für
den eigenen Telekommunikationsbedarf, besonders innerhalb und zwischen
den Einrichtungen. In Deutschland steht mit dem Wissenschaftsnetz
(WiN) eine ausgezeichnete nationale Netzinfrastruktur zur
Verfügung, deren Leistungsfähigkeit im Jahr 2000 noch einmal
um eine Größenordnung gesteigert wird (Gigabit-WiN). Eine
Vielzahl von Institutionen der Wissenschaft verfügen auch intern
über leistungsfähige Datennetze, deren immense
Kapazitäten genügend Raum für Sprachübertragung
bieten. Diese Institutionen sind die natürlichen Kandidaten
für eine Pioniersrolle bei der Einführung der IP-Telefonie
— sowohl in Hinsicht auf die bereits vorhandene Infrastruktur
und das Know-How als auch in Hinsicht auf die Notwendigkeit, von den
zu erwartenden Einsparungseffekten der IP-Telefonie zu profitieren.
Wer führt das Projekt durch?
Um die vorhandene IP-Infrastruktur nun auch für Telefoniedienste zu
nutzen, sind einerseits Konzepte zur Umsetzung von IP-Telefonie an den
Institutionen erforderlich, andererseits eine WiN-weite
Verständigung über die technische und administrative Umsetzung
von institutionsübergreifender IP-basierter Sprachkommunikation.
Der das Wissenschaftsnetz betreibende DFN-Verein hat das Potential
dieser Technologie erkannt und 1998 beschlossen, ein
IP-Telefonie-Projekt für das Wissenschaftsnetz zu initiieren.
Das WIPTEL-Projekt wird hauptverantwortlich durchgeführt vom
Bereich Digitale Medien und Netze (Prof. Dr.-Ing. Ute Bormann) des
Technologie-Zentrums Informatik (TZI) der Universität Bremen.
Die technische Projektleitung liegt bei Dr.-Ing. Jörg Ott. Für die Pilotphase
des Projekts sind bis zu drei weitere Standorte in Deutschland
vorgesehen, die kurzfristig noch ausgewählt werden. Auftraggeber
ist der DFN-Verein (Ansprechpartner Dr. Jürgen Rauschenbach).
Eine Reihe von Sponsoren unterstützen das Projekt, so die
Berliner TELES AG durch Bereitstellung
von Infrastruktur-Hardware für das Testlabor; weitere Sponsoren
sind willkommen.
Inhalte
Ziel des WIPTEL-Projekts ist die Konzeption und prototypische
Einführung einer Infrastruktur für IP-Telefonie im Deutschen
Wissenschaftsnetz. Dabei geht es nicht mehr um den Beweis, daß
Sprachkommunikation über IP-basierte Netze machbar ist: das ist seit
Anfang der 90er Jahre für ausreichend dimensionierte Netze (wie das
heutige WiN) erwiesen. Vielmehr stehen organisatorische Strukturen
und administrative Aspekte im Vordergrund, dazu die zu erbringenden
Dienste für den Nutzer und natürlich die Auswahl geeigneter
IP-Telefonie-Komponenten und deren Integration.
Auf organisatorischer Seite ist die in einer Einrichtung zu schaffende
IP-Telefonie-Infrastruktur in das bestehende Geflecht von TK-Anlage
und lokalem Netz einzubinden, es sind geeignete Schemata für die
Vergabe von Namen und Rufnummern zu entwerfen, und es ist die Nutzung
der Telefoniedienste durch die verschiedenen Statusgruppen
(Mitarbeiter, Hilfskräfte, Studenten usw.) zu regeln. Die
Administration von Geräten, Benutzern, Namen/Nummern usw. wird sich an
den bestehenden Verwaltungsstrukturen orientieren, oder es sind
geeignete neue zu schaffen. Schließlich sind Absprachen zwischen
Einrichtungen (und zwischen Untergruppen innerhalb dieser) über die
gegenseitige Nutzung von IP-Telefonie-Ressourcen, die Bereitstellung
von Informationen (etwa Telefonbücher) und ggf. die Abrechnung von
Leistungen zu treffen.
Sind diese Rahmenbedingungen geschaffen, lassen sich eine Reihe von
Telefonie-Diensten anbieten. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht
kommerzielle Ideen wie etwa bundesweite Bereitstellung von Gateways
für Least-Cost-Routing oder der kurzfristige Ersatz der TK-Anlage,
sondern spezifische Anwendungen im akademischen Umfeld. IP-Telefonie
kann nicht nur mit speziellen IP-Telefonen, sondern besonders
kostengünstig auch direkt mit den im Wissenschaftsbereich ohnehin
vorhandenen Arbeitsplatzrechnern betrieben werden - die
Bereitstellung von Telefonie-Software für alle jeweils verfügbaren
Systemplattformen und die vollständige gegenseitige Erreichbarkeit der
IP-basierten Endpunkte sowohl innerhalb einer Einrichtung wie auch
institutionsübergreifend ist daher vorrangiges Ziel. Als Ergänzungen
bieten sich einfache Mehrwertdienste (Anrufweiterschaltung,
Konferenzen usw.) wie auch Voice-Mail-Systeme an. Graphische
Nutzerschnittstellen und die Kombination mit dem World Wide Web
vereinfachen den Zugang zu solchen Diensten und gestatten darüber
hinaus die nahtlose Integration mit der Datenkommunikation. Gateways
zum konventionellen Telefonnetz und/oder zur TK-Anlage dienen als
erster Schritt zur Integration der IP-Telefonie und können z.B.
Studierende an einer Universität auch ohne Mobiltelefon erreichbar
machen. Weitere ggf. kostenpflichtige Dienste lassen sich sowohl
individuell an einzelnen Institutionen wie auch WiN-weit einrichten.
Als Grundlage für die IP-Telefonie-Infrastruktur ist eine Auswahl von
Markt- und eigenentwickelten Komponenten zu treffen. Hierzu zählen
Endpunkte (Telefone, Software für PCs/Workstations),
IP-Telefonie-Gateways, Verwaltungssysteme (Gatekeeper, Proxies,
Soft-PBXen) usw. Wichtig ist, daß sich diese in einer heterogenen
Technologie-Umgebung einsetzen lassen (Stichwort: H.323 vs. SIP). Zur
Integration dieser verschiedenen Technologien beitragende Elemente
werden im Projekt selbst entwickelt.
Projektverlauf
WIPTEL ist in drei sich überlappende Projektphasen strukturiert:
- Die Phase I (Mai 1999 - März 2000) ist analytischer und
konzeptioneller Natur: eine Marktanalyse liefert eine Übersicht
über das Spektrum verfügbarer IP-Telefonie-Produkte, ihre
jeweiligen Leistungsmerkmale, technologische Plattform,
Verfügbarkeit usw. Parallel hierzu entsteht ein Systemkonzept,
das Einsatz- und Integrationsaspekte für IP-Telefonie sowohl in
einzelnen Institutionen wie auch WiN-weit betrachtet,
systematisiert und Lösungsvorschläge skizziert. Dieses Konzept
wird zunächst auf das konkrete Szenario des Fachbereichs
Mathematik/Informatik der Universität Bremen angewendet.
Auf der praktischen Seite werden auf dem Markt verfügbare
IP-Telefonie-Komponenten beschafft und bezüglich Interoperabilität
und Integrationsfähigkeit untersucht. Außerdem erfolgen
verschiedene Eigenentwicklungen: Endpunkte, Gateways,
Administrationssysteme. Am Ende dieser Projektphase steht eine —
bewußt heterogen gehaltene — IP-Telefonie-Umgebung an der
Universität Bremen zur Verfügung, die soweit möglich mit der
traditionellen TK-Anlagen-Infrastruktur integriert ist.
- In der Phase II (Januar - Juli 2000) werden aufgrund der in Phase
I gewonnenen Testergebnisse Empfehlungen zusammengestellt, welche
der getesteten Komponenten sich (an einem Standort) in einer
IP-Telefonie-Infrastruktur kombinieren lassen. Diese Richtlinien
werden um die praktischen Erfahrungen der initialen Installation
ergänzt und liefern so — zusammen mit dem Systemkonzept
— einen
Leitfaden zur Einführung von IP-Telefonie in wissenschaftlichen
Einrichtungen. Drei weitere Standorte werden für den in dieser
Phase beginnenden Pilotbetrieb ausgewählt und sukzessive mit einer
jeweils lokalen IP-Telefonie-Infrastruktur ausgestattet. Diese
wird — soweit möglich und gewünscht — in die
bestehende TK-Infrastruktur integriert.
Die Entwicklung eigener Komponenten wird kontinuierlich
fortgeführt, um einen breiteren Funktionsumfang zu erzielen und um
neuen oder geänderten Anforderungen geeignet Rechnung zu tragen,
vor allem auch solchen, die sich aus dem erweiterten Testumfeld
ergeben. Besondere Bedeutung kommt hier der Realisierung
zusätzlicher Telefonie-Dienste zu bzw. der weiteren Integration
der IP-Telefonie-Infrastruktur.
- Die Phase III (Mai - Oktober 2000) ist schließlich der
standortübergreifenden IP-basierten Sprachkommunikation und der
Evaluation gewidmet. Einerseits wird der Austausch
standortübergreifender Verwaltungsinformationen realisiert,
andererseits zentral durch den DFN-Verein zu erbringende Dienste
konzipiert und am TZI exemplarisch umgesetzt. In Hinblick auf die
zukünftige Entwicklung werden u.a. Authentifikations- und
Abrechnungsdienste, Aspekte der Benutzermobilität und
Möglichkeiten der Anbindung an national und international
opereriende Internet-Telefonie-Service-Provider (ITSPs)
untersucht.
In einer längeren Testphase werden die tatsächliche Nutzung und
die Leistungsfähigkeit der WIPTEL-Infrastruktur analysiert sowie
zusätzliche Anforderungen von Benutzer- und auch "Betreiber"-Seite
erhoben. Basierend hierauf, auf den im Projekt insgesamt
gewonnenen Erfahrungen und auf ... werden Empfehlungen für
zukünftige Aktivitäten des DFN-Vereins im Bereich der
IP-Telefonie im WiN gegeben.
Wesentliches Merkmal aller drei Phasen des WIPTEL-Projektes ist das
Zusammenwirken der Projektaktivitäten mit den parallel dazu vom TZI
entwickelten Beiträgen zur Standardisierung in ITU-T und IETF. Die
Zukunftssicherheit der in der Wissenschaft eingesetzten
Telekommunikationstechnik hängt wesentlich davon ab, inwieweit es
gelingt, die rasch fortschreitende Standardisierung (sowohl auf
formaler Ebene als auch in Form von Industrietrends) in praktische
Interoperabilität umzusetzen. Es ist das Ziel von WIPTEL, dies durch
die Entwicklung von Vorschlägen und Empfehlungen zu unterstützen.
Autoren: Dr.-Ing. Jörg Ott und
Dr.-Ing. Carsten Bormann