IP-Telefonie ist das Telefonieren unter Nutzung der Internet-Technologien. Dabei bedeutet eine Umstellung auf diese Technologie nicht einfach nur, daß sich das Telefonsystem intern ändert, ohne daß es weitere Effekte hätte: Eine Umstellung von gegenwärtigen Vermittlungstechnik auf IP-basierte Vermittlung bedeutet vor allem eine Vereinfachung und Kostenreduzierung des Telefonsystems.
In einer normalen Vermittlungsstelle wird für ein Gespräch eine
"Leitung" vermittelt. Diese Leitung steht für die Dauer des Gesprächs
exklusiv zur Verfügung - gleichgültig, ob gerade
gesprochen wird oder nicht.
Die Ausnutzung der Leitungsressourcen ist somit nicht optimal.
Im Internet wird wegen Paketvermittlung eine physikalische Leitung für mehrere Teilnehmer genutzt. Dies gelingt, indem die Daten in Pakete zerlegt werden und gemeinsam mit den Paketen anderer Teilnehmer über eine Leitung geschickt werden. Dies führt zur effektiveren Ausnutzung von Leitungskapazitäten und ist damit erheblich billiger.
Die im Internet verwendete Vermittlungstechnik von IP ist auch erheblich einfacher als die komplexen und teuren Least Cost Routing Telefonvermittlungen. Dies reduziert den Wartugnsaufwand und somit auch die Wartungskosten. Dazu kommt, daß mit IP im Prinzip schon Routing-Mechanismen zur Verfügung stehen, die einen, unter bestimmten Gesichtspunkten (z.B. Kosten) optimalen, Weg wählen können - ein Merkmal, das in herkömmlichen Telefonvermittlungen nur mit hohem Aufwand international realisierbar wäre. Hier kommt somit zur Kostenreduzierung auch noch die Vereinfachung des Systems - es können immerhin heute schon verwendete Router eingesetzt werden - dazu.
Anfänglich wird Telefonieren über IP sich auf Intranetze beschränken und in den jeweiligen Einrichtungen Haustelefonsysteme ablösen. Solche IP-Telefonie-Inseln sind über ein entsprechendes Gateway mit dem restlichen Telefonsystem verbunden. Oft verfügen solche Institutionen/Firmen über eine permanente Verbindung ins Internet, so daß sich für sie ein Preisvorteil ergäbe, wenn die Gespräche über die sowieso schon angemietete Standleitung geführt werden können, da die normalen Telefonkosten wegfallen.
Aber selbst wenn nicht beide Gesprächsteilnehmer über die Möglichkeit zur IP-Telefonie verfügen, können sie miteinander reden und Kosten sparen. Gateways ermöglichen z.B. den Übergang zwischen dem normalen Telefonnetz und dem Internet. Ein Anruf von einem IP-Telefon in Deutschland könnte z.B. durch das Internet zu einem Gateway in den USA gelangen und erst dort wird eine "normale" Telefonverbindung zum Gesprächspartner aufgebaut. Die Kosten für den Auslandsanruf entfallen, und im besten Fall zahlt der Anrufer nur den Ortstarif (Und bald evtl. sogar nur noch eine Flatrate, d.h. eine Grundgebühr, mit der alle Ortsgespräche abgegolten werden.) und die Kosten für seinen Internet-Provider.
Dieses Verfahren ist nicht besonders zufriedenstellend, da sich a) man nur Leute anrufen kann, deren Daten man bereits kennt und b) IP-Adressen und Ports im Laufe der Zeit ändern können (z.B. wenn der Nutzer den Rechner wechselt oder in ein anderes Büro zieht).
Um nun diesem Problem beizukommen, braucht man eine weitere
Komponente, die Namen zu Adressen auflöst (sog. Location
Service). Ein bekanntes Beispiel für die Kombination
von Endpunkten und Location Server ist Microsoft
Netmeeting - das hier verwendete Protokoll zur Kommunikation mit dem
Location Server ist allerdings eine Eigenentwicklung von Microsoft.
Der für die IP-Telefonie maßgebende internationale Standard H.323
definiert für diesen Zweck eine zentrale Komponente
Gatekeeper.
Da es unter anderem aus Gründen der Auslastung und der Robustheit
nicht sinnvoll ist, nur eine einzige zentrale Komponente für alle
Teilnehmer weltweit zu haben, werden mehrere Endpunkte oder Personen
zu einer Zone zusammengefaßt, für die dann eine eigene
Verwaltungseinheit zur Verfügung steht. Eine solche Zone hat
meist eine logische Grenze, wie z.B. ein Firmen-Intranet, ein
Fachbereich einer Universität oder Kunden eines Internet-Providers in
einer Stadt.
Dadurch, daß für unterschiedliche Zonen andere
Verwaltungskomponenten verantwortlich sind, entsteht der Bedarf an
einer Kommunikation dieser Komponenten untereinander, damit auch von
einer Zone in eine andere telefoniert werden kann.
Die einer Verwaltungskomponente zugehörige Zone - meist ein lokales Netz - beinhaltet mehrere IP-Telefone, bzw. Computer mit IP-Telefonie-Software (siehe Abb.). Es ist eine direkte Kommunikation mit anderen Endpunkten über das Internet möglich - um jedoch Gespräche mit Telefonen aus anderen Netzen zu führen, bedarf es eines Gateways, daß für die Umsetzung der Daten zwischen dem LAN und Telefonnetz sorgt.
Solche Gateways können für verschiedene Szenarions eingesetzt werden
(siehe Abb.): Der einfachste Fall ist die Umsetzung
zwischen IP-Netz und bestehenden Telefonnetzen, wie sie z.B. der Fall
wäre, wenn eine Firma ihr hausinternes Telefonsystem auf IP-Telefonie
umstellt und dann über die internen Telefone "nach draußen"
telefonieren möchte.
Wollen zwei Einrichtungen mit IP-Telefonie im Intranet und einem
Gateway nach draußen miteinander telefonieren, hat man den Fall,
daß für einen mittleren Übertragungsabschnitt das
Telefonnetz wird und auf beiden Seiten Gateways die Umsetzung
übernehmen.
Es werden ebenfalls zwei Gateways gebraucht, wenn z.B. das Internet
als Übertragungsmedium verwendet wird, dies aber für bestehende
Telefonsysteme transparent bleiben soll. In diesem Fall tritt ein
Gateway als Vermittlungsstelle auf, die die Gespräche über das
Internet statt über das verwendete Telefonnetz zum nächsten Gateway
weiterleitet.
Das System der Telefonnummern wird sehr wahrscheinlich einer Wandlung unterzogen werden. Wahrscheinlich bekommt jeder Mensch eine Art eindeutigen globalen Kommunikationsbezeichner, unter dem er weltweit erreichbar ist. Der Zwang, sich Nummern zu merken oder zu überlegen, wo sich die gesuchte Person gerade aufhält, entfällt.
Aber auch andere Perspektiven rücken in greifbare
Nähe. Bisher war es z.B. nicht ohne weiteres möglich,
Gespräche abhörsicher zu machen. Der heutige Stand der
Technik bietet aber bereits sichere Verschlüsselungsverfahren,
die Abhörsicherheit garantieren würden. IP-Telefonie
könnte demnach abhörsichere Kommunikation
ermöglichen - eine Möglichkeit, die nicht jedem wünschenswert
erscheint. Kritiker sehen in wirklich abhörsicheren Telefonaten eine
Beschränkung der Mittel der Justiz, gegen Staatsfeinde und Verbrecher
vorzugehen. Andererseits ist Abhörsicherheit ein Element der
Privatsphäre und das Problem der Kontrolle nicht nur darauf
beschränkt, daß Behörden überhaupt
abhören/mitlesen können, sondern
eher, daß sie es mittlerweile in großem Stil tun können.
Hier bedarf es einer internationalen Regelung oder zumindest eines
definierten Umgangs von Gesprächen zwischen Staaten, mit
unterschiedlicher Handhabung in Bezug auf abhörischere Kommunikation.
Neben H.323 gibt es mit dem von der IETF entwickelten Session Innitation Protocol (SIP) ein weiteres Protokoll, daß IP-Telefonie ermöglicht. Auch hier besteht Interesse seitens der Industrie, jedoch ist dies bislang nicht so groß, wie an H.323 - zumindest gemessen an den bisher verfügbaren SIP-Lösungen.
Die Aussagen, daß ein Produkt ein bestimmtes Feature
unterstützt, sind mit Vorsicht zu betrachten. So gibt es zwar
schon Überlegungen, wie eine Hierarchie von Gatekeepern
aufzubauen ist, aber definitiv beschlossen ist noch nichts. Ein
Produkt, welches für sich in Anspruch nimmt, eine Hierarchie von
Gatekeepern zu unterstützen, ist also wahrscheinlich (noch) nicht
konform zu dem, was einmal Standard werden wird.
Ebenso könnte es sich mit der SNMP-Unterstützung
verhalten. Zwar gibt es mittlerweile einen RFC der die MIB für
H.323 definiert, jedoch ist nicht gesagt, daß ein Produkt mit
SNMP-Unterstützung dies anhand dieser MIB macht.
Autor: Stefan Prelle